Meine liebe Edith.[1]

 

Mit deiner heutigen Karte hast du mir,

oder beßer uns, eine große Freude gemacht.

Hoffentlich glukt nun auch das wahrscheinlich

schwierigere Bild von Tante Anna.[2] Mir

personlich wurdest du eine große Freude durch

die Photographie von Onkel Julius[3] Portrait

machen. Die Vettern haben ja einen Appa-

rat. Von Agnes[4] haben wir nur gute

Nachrichten, sie bleibt uber Pfingsten noch

in Pallanga[5] und soll dann nach Langheim[6]

wo die St. ein „Schloß“[7] besitzen. Jedenfalls

nim[m]t sie von dieser Episode reiche Eindrüke

mit. Hier geht alles leidlich, Mama[8] soll

nach Franzensbad,[9] die Schwestern[10] leben in

Gedanken schon in der Schweiz, ich plage

mich nach wie vor mit meinem Arm

 

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der zwar bequemer und beweglicher ge-

worden ist, aber noch recht schmerzhaft

ist. Das giebt dann wehrend der kurzen

Pfingsttage eine Fango Kur (heiße Moor

Umschläge) auf die ich mich nicht eben

freue. Am 3ten[11]  habe ich eine Rede in

Anlaß der Enthullung des Bismarkdenk-

mals auf einem Studentenco[m]mers[12] zu

halten. Das macht, da mein Kopf

schreklich öde ist, allerlei Schwierigkeiten.

Ueberhaupt werde ich alt und schwer

producirend.

Bitte doch Stavenhager[13] mir zu schreiben.

Ich habe große Sehnsucht etwas von

ihm zu horen. Wie geht es dem Vater[14]

und lebt er uberhaupt noch.

Sonst ist hier nichts los. Thor[15] hat gute

Tage und Piteist[16] daß es eine Art

hat. Er hofft einen 3 wochentlichen

Urlaub zu bekom[m]en und will sich

 

[Seitenwechsel]

 

dann den Schwestern anschließen, wenn es

sich irgend machen laßt.

Eben ist Mama auf Dienstboten Suche. Eine

Köchin bereits angenom[m]en, als Stuben-

madchen kom[m]t vielleicht im Juli die

Grethe[17] zurück. Mamas Gesundheit ist passabel.

Gruße Onkel und die Tanten und schreibe

auch etwas uber die Vettern von denen

ich absolut gar nichts hore.

Mit Gruß und Kuß

Dein alter Papa.

 

D[en] 22/ V. 01

Uhlandstrasse 180.

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[1] Edith Rintelen-Schiemann (1876 geboren) ist die älteste Tochter von Theodor Schiemann. Ihr Vater war ein deutscher Historiker, Archivar, Professor für Osteuropäische Geschichte in Berlin und Berichterstatter bzgl. Aussenpolitik für deutsche Zeitungen. Vgl. Lemmerich, Jost (Hrsg.): Bande der Freundschaft. Lise Meitner – Elisabeth Schiemann. Kommentierter Briefwechsel 1911-1947. Wien: ÖAW (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften 61) 2010.

[2] Anna Ulrike Schiemann (geborene Johannsen) ist die Ehefrau von Julius Karl Theodor Schiemann, dem Bruder Theodor Schiemanns. Vgl. Onderdelinden, Sjaak (Hrsg.): Interbellum und Exil. Liber Amicorum für Hans Würzner. Abschied von der Riksuniversiteit Leiden. Amsterdam/Atlanta: Rodopi 1991.

[3] Julius Karl Theodor Schiemann, Jurist, ist der ältere Bruder von Theodor Schiemann. Seine Ehefrau war die zuvor genannte Tante Anna (Anna Ulrike Schiemann, geborene Johannsen). Vgl. Onderdelinden, Sjaak (Hrsg.): Interbellum und Exil. Liber Amicorum für Hans Würzner. Abschied von der Riksuniversiteit Leiden. Amsterdam/Atlanta: Rodopi 1991.

[4] Agnes Schiemann (1878 geboren) ist die zweitälteste Tochter von Theodor Schiemann. Vgl. Lemmerich, Jost (Hrsg.): Bande der Freundschaft. Lise Meitner – Elisabeth Schiemann. Kommentierter Briefwechsel 1911-1947. Wien: ÖAW (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften 61) 2010.

[5] Pallanga ist eine Stadt im heutigen Litauen. Vgl. Wikipedia: Palanga. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Palanga (18.01.2017).

[6] Langheim ist eine Ortschaft im heutigen Polen. Vgl. Wikipedia: Łankiejmy. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/%C5%81ankiejmy (18.01.2017).

[7] Das Schloss von Langheim entstand von 1798–1805. Vgl. Bildarchiv Ostpreussen: Schloss Langheim. URL: http://www.bildarchiv-ostpreussen.de/suche/index.html.de?qp=searchtext%3D16%3Aschloss%20langheimmode%3D1%3Af#!start=1 (18.01.2017).

[8] Caroline geborene von Mulert hatte mit Theodor insgesamt 5 Kinder, 4 Töchter und einen Sohn. Namentlich sind dies Edith (1876), Agnes (1878), Theodor (1880), Elisabeth (1881) und Gertrud (1883). Vgl. Lemmerich, Jost (Hrsg.): Bande der Freundschaft. Lise Meitner – Elisabeth Schiemann. Kommentierter Briefwechsel 1911-1947. Wien: ÖAW (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften 61) 2010.

[9] Franzensbad ist der deutsche Name der Stadt Frantiskovy Lázne im heutigen Tschechien (ehemaliges Königreich Böhmen) und liegt 5 km nördlich der Stadt Cheb (zu Deutsch Eger). Die Stadt ist als Kurort bekannt. Vgl. Wikipedia: Františkovy Lázně. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Franti%C5%A1kovy_L%C3%A1zn%C4%9B (18.01.2017).

[10] Wahrscheinlich sind damit die beiden in diesem Brief nicht namentlich erwähnten Schwestern Ediths gemeint, nämlich Elisabeth und Gertrud.

[11] Ein Anführungsstrich ersetzt den Punkt nach der Ordinalzahl. Ordinalzahl 3 – der dritte.

[12] Ein Kommers ist eine hochoffizielle Feier, die vor allem in Studentenverbindungen abgehalten wird. Vgl. Wikipedia: Kommers. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Kommers (18.01.2017).

[13] Nicht identifizierbar.

[14] Womöglich handelt es sich um den Vater von Theodor Schiemann. Es könnte sich aber auch um einen anderen Vater handeln.

[15] Dies ist der Rufname von Schiemanns einzigem Sohn, Theodor Schiemann (geboren 1880). Vgl. Lemmerich, Jost (Hrsg.): Bande der Freundschaft. Lise Meitner – Elisabeth Schiemann. Kommentierter Briefwechsel 1911-1947. Wien: ÖAW (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften 61) 2010.

[16] Nicht eindeutig lesbar.

[17] Nicht identifizierbar.