Meine liebe Edith.[1]

 

Obgleich es schon spat ist und mir der Arm vom

vielen Schreiben schmerzt,[2] will ich doch den Son[n]abend

Abend nicht voruber gehen laßen ohne dir einige

herzliche Zeilen zu schiken. Ich hause jetzt mit Agnes[3]

allein, denn heute um 7 ¾ Abends[4] sind Lisbeth[5]

und Gertrud[6] seelenfroh mit Ferienzug nach Basel

abgekutscht[7], Freitag zog Percy[8] zu Girgensohns[9] in

den Harz[10], 8 Tage vorher Mama erst nach Pilsen[11]

wo Thor[12] wie der wieder einmal sein dum[m]es

Bein kuriert, dann nach Franzensbad[13] wo sie

seit Sonntag Abend ist. Zunachst sehr mißge-

stim[m]t, ohne Gesellschaft, strenge Diät und schlechtes

Wetter. Gestern hat Mama ihr erstes Moorbad

genommen, ich hoffe mit der Gesundheit wird

auch etwas guter Humor zurükkom[m]en. Freilich

hat es von schlechten Nachrichten nicht gefehlt.

Onkel Karl Meyer[14] hat wieder seine Stelle

verloren. Man will eine «jungere Kraft» hin-

schiken und hat ihm das recht brutal gesagt. So

steht er am 1ten October[15] ziemlich vis à vis de rien[16].

 

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Ob ich werde helfen konnen sehe ich noch nicht,

jedenfalls werde ichs versuchen. Aber Miguel[17]

ist fort und damit eine gute Chance weniger.

Sehr nahe gegangen ist mit der Tod von Grim[m][18],

gewiß auch dir, er hat noch in der letzten Zeit

sehr freundlich von dir gesprochen. Du wür-

dest deinen Weg schon gehen! Jetzt ist

nun Johannes Schmidt (der mit der kleinen

runden Frau) Sanskritist[19] gestorben, ganz

plotzlich an einem Herzschlag, 58[20] Jahre alt,

doch nur 4 Jahre alter als ich. So rasch

wikelt sich ein Leben ab. Und wie rasch

fullt sich dann die Luke, nach 8 Tagen

denkt kein Mensch mehr an den Todten.

Mir geht es passabel. Mein Arm will nicht

gut werden und belastigt mich namentlich

beim Schreiben. Jetzt steke ich in der Plage

der Correcturen, du weißt wie mir das

verhaßt ist, dazu ungewohnlich viel Politik

und eine Menge anderer Arbeit. Aber ich

glaube die Ruhe im Hause thut mir gut

und wenn alles lauft wie es soll denke

ich so etwa den 6ten[21] August nach Edingburg[22]

auf 8-10 Tage zu kom[m]en. Ob ich dich

 

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dann noch finde? Du schreibst so sehr selten, außer

deinem Schiffbrief hast du keinen Augenblik

für uns gefunden. Denke daran, dass für Mama

jede Nachricht in ihrer Einsamkeit (Franzens

bad in Boemen, Ba[23] Villa Hygäa[24].) eine

Wohlthat ist. Wie steht es mit dem Bilde

von Tante, und was ist es für ein Costümfest

das du mitmachen wirst.

Sage Onkel Julius[25] das Geld für Mama sei ein-

getroffen und ich ließe ihm nochmals danken

für alle Muhe die er sich in dieser lang-

wierigen Erbschaftsaffaire gegeben. Von

den Vettern weiß ich gar nichts und mache mir

wegen Pauls[26] Examen Sorge, er mußte doch

jetzt fertig sein. Ali[27] ist hier und lasst sich durch

einen Repetitor zum Assessorexamen[28] ein-

pauken. Es ist bei den Herren Juristen im[m]er das

gleiche unwißenschaftliche Treiben. Aber es

scheint nicht anders zu gehen. Deine Atelier

miethe habe ich in Ordnung gebracht u[nd] deine 50

m[a]rk[29] Agnes eingezahlt.

Im Hause geht alles gut. Und eine gute Nacht ich

kann nicht weiter, grüsse alle Schieleute[30] mit

ihren Annexen und behalte lieb deinen treuen

Vater.

d[en]. 6/ VII. 01. Uhlandstr. 180.

 

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[1] Edith Rintelen-Schiemann (1876 geboren) ist die älteste Tochter von Theodor Schiemann. Ihr Vater war ein deutscher Historiker, Archivar, Professor für Osteuropäische Geschichte in Berlin und Berichterstatter bzgl. Aussenpolitik für Deutsche Zeitungen. Vgl. Lemmerich, Jost (Hrsg.): Bande der Freundschaft. Lise Meitner – Elisabeth Schiemann. Kommentierter Briefwechsel 1911-1947. Wien: ÖAW (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften 61) 2010. S. 14f.

[2] Dies zeigt sich auch in der Handschrift. Gegen Ende des Briefes wird sie immer undeutlicher.

[3] Agnes Schiemann (1878 geboren) ist die zweitälteste Tochter von Theodor Schiemann. Vgl. Lemmerich, Jost (Hrsg.): Bande der Freundschaft. Lise Meitner – Elisabeth Schiemann. Kommentierter Briefwechsel 1911-1947. Wien: ÖAW (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften 61) 2010.

[4] Dies muss als eine Zeitangabe verstanden werden. Wahrscheinlich ist also viertel vor acht gemeint.

[5] Dies ist die Kurzform von Elisabeth. Elisabeth Schiemann (1881 geboren) ist die drittälteste Tochter Schiemanns und später eine bekannte Botanikerin. Vgl. Lemmerich, Jost (Hrsg.): Bande der Freundschaft. Lise Meitner – Elisabeth Schiemann. Kommentierter Briefwechsel 1911-1947. Wien: ÖAW (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften 61) 2010. Sie war ausserdem Widerstandskämpferin im „Dritten Reich“. Vgl. Wikipedia: Elisabeth Schiemann. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Schiemann (12.01.2017).

[6] Gertrud Schiemann (geboren 1883) ist die jüngste Tochter Schiemanns. Vgl. Lemmerich, Jost (Hrsg.): Bande der Freundschaft. Lise Meitner – Elisabeth Schiemann. Kommentierter Briefwechsel 1911-1947. Wien: ÖAW (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften 61) 2010.

[7] Dies bedeutet „mit der Kutsche abgefahren“. Vgl. Grimm’sches Wörterbuch: Abkutschen. URL: http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GA00800#XGA00800 (12.01.2017).

[8] Nicht identifizierbar.

[9] Nicht eindeutig lesbar.

[10] Der Harz ist ein Mittelgebirge in Deutschland und liegt am Schnittpunkt von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Anteil am Harz haben im Westen die Landkreise Goslar und Göttingen, im Norden und Osten die Landkreise Harz und Mansfeld-Südharz und im Süden der Landkreis Nordhausen. Vgl. Wikipedia: Harz (Mittelgebirge). URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Harz_(Mittelgebirge) (12.01.2017).

[11] Pilsen ist die viertgrößte Stadt Tschechiens im Westen von Böhmen. Vgl. Wikipedia: Pilsen. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Pilsen (12.01.2017).

[12] Dies ist der Rufname von Schiemanns einzigem Sohn (geboren 1880), Theodor Schiemann. Vgl. Lemmerich, Jost (Hrsg.): Bande der Freundschaft. Lise Meitner – Elisabeth Schiemann. Kommentierter Briefwechsel 1911-1947. Wien: ÖAW (= Veröffentlichungen der Kommission für Geschichte der Naturwissenschaften 61) 2010.

[13] Franzensbad ist der deutsche Name der Stadt Frantiskovy Lázne im heutigen Tschechien (ehemaliges Königreich Böhmen) und liegt 5 km nördlich der Stadt Cheb (zu Deutsch Eger). Die Stadt war als Kurort bekannt. Vgl. Wikipedia: Františkovy LáznÄ›. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Franti%C5%A1kovy_L%C3%A1zn%C4%9B (18.01.2017).

[14] Nicht identifizierbar.

[15] Der Anführungsstrich ersetzt den Punkt nach der Ordinalzahl. Ordinalzahl 1 – der erste. Gemeint ist hier der 1. Oktober.

[16] Hier verwendet Theodor Schiemann eine andere Schriftart (siehe die Schreibweise der Buchstaben v, d, e), weil er französisch schreibt: er steht vor dem Nichts.

[17] Nicht identifizierbar.

[18] Nicht identifizierbar.

[19] Johannes Schmidt (1861-1926 in Leipzig) war ein deutscher Klassischer Philologe und Gymnasiallehrer. Vgl. Wikipedia: Johannes Schmidt (Philologe). URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_Schmidt_(Philologe) (12.01.2017).

[20] Hier schrieb Theodor Schiemann zunächst die Zahl 68, korrigierte diese aber auf 58.

[21] Der Anführungsstrich ersetzt den Punkt nach der Ordinalzahl. Ordinalzahl 6 – der sechste. Gemeint ist hier der 6. August.

[22] Gemeint ist wohl die schottische Hauptstadt Edinburgh. Die deutsche Form lautet Edinburg. Vgl. Wikipedia: Edinburgh. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Edinburgh (12.01.2017).

[23] Den Anfang seines geschriebenen Wortes strich Theodor Schiemann hier durch.

[24] Hier verwendet Theodor Schiemann eine andere Schriftart (siehe die Schreibweise der Buchstaben H, a). Wahrscheinlich ist damit das Kurhotel Hygeia gemeint.

[25] Julius Karl Theodor Schiemann, Jurist, ist der ältere Bruder von Theodor Schiemann. Seine Ehefrau war die zuvor genannte Tante Anna (Anna Ulrike Schiemann, geborene Johannsen). Vgl. Onderdelinden, Sjaak (Hrsg.): Interbellum und Exil. Liber Amicorum für Hans Würzner. Abschied von der Riksuniversiteit Leiden. Amsterdam/Atlanta: Rodopi 1991.

[26] Paul Schiemann (mit bürgerlichem Namen Carl Christian Theodor Paul Schiemann) ist der Neffe von Theodor Schiemann und der Sohn von Julius und Anna Schiemann (geborene Johannsen). Später wurde er Politiker und Publizist. Vgl. Wikipedia: Paul Schiemann. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Schiemann (18.01.2017). sowie vgl. Onderdelinden, Sjaak (Hrsg.): Interbellum und Exil. Liber Amicorum für Hans Würzner. Abschied von der Riksuniversiteit Leiden. Amsterdam/Atlanta: Rodopi 1991.

[27] Nicht identifizierbar.

[28] Dies ist eine Prüfung in der Juristenausbildung in Deutschland. Seit 1877 wurde Hierin die zweistufige Ausbildung durch ein Referendar- und ein Assessorexamen geregelt. Vgl. Wikipedia: Juristenausbildung in Deutschland. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Juristenausbildung_in_Deutschland (18.01.2017).

[29] Mark sind ab 1871 das deutsche Zahlungsmittel. Vgl. Wikipedia: Mark (1871). URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Mark_(1871) (18.01.2017).

[30] Er verwendet diese Abkürzung für „die Schiemanns“ und meint alle Familienangehörige.